KAB Nikolaus Groß Bottrop

Katholische Arbeitnehmer Bewegung

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KAB Leistungen

Beratung und Vertretung im Arbeits- und Sozialrecht.

Das Markenzeichen der KAB:
Wir beraten, begleiten und vertreten KAB-Mitglieder im Arbeits- und Sozialrecht. Dabei geht es vor allem um Fragen aus den Bereichen:

  • Arbeitslosenversicherung,
  • Rentenversicherung,
  • Krankenversicherung,
  • Pflegeversicherung,
  • Unfallversicherung und
  • Schwerbehindertenrecht.

Hier vertritt der
KAB-Rechtsschutz seine Mitglieder in allen Instanzen (im Arbeitsrecht in erster Instanz), und das ohne weitere Kosten, denn dieser Rechtsschutz ist im KAB-Beitrag enthalten!

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16. Seelsorgsarbeit mit Hilfe der Männer-Kongregation 1935-1945


Wie eine direkte Antwort auf das traurig-zornige "Warum?", das die Auflösung des Knappen- und Arbeitervereins bewirkt hatte, mußte das in der Ausgabe des "Kirchenblatts" vom 15. September 1935 abgedruckte "Bischöfliche Hirtenwort an die katholischen Vereine und Verbände" gewirkt haben, in dem es hieß:
"In herzlicher Hirtenliebe und Hirtensorge gedenken die in Fulda versammelten deutschen Bischöfe ihrer so hart bedrängten, aber auch in Sturm und Prüfung treu bewährten katholischen Vereine und Verbände. Mit tiefem Schmerz nehmen wir teil an den schweren Leiden und Opfern so vieler Mitglieder, Vorstände und Präsides ... Ein Wort warmer Anerkennung und herzlicher Ermunterung richten wir an die Leiter unserer katholischen Vereine und Verbände, mögen sie Priester oder Laien sein. Sie haben zu einem vollgerüttelten Maß von Arbeit und Sorge vielfach auch noch Verkennung, Opfer und Leid auf sich nehmen müssen ..."
Wie der Präses schon in der Monatsversammlung vom 4. August 1935 feststellen konnte, hatten sich "seit August 1933 die Arbeitervereine nur auf religiöse, kulturelle und caritative Aufgaben beschränkt, wie es im Artikel 31 des Reichskonkordats vorgesehen" war.
Mußte nun die kulturelle Aufgabe weitgehend eingeschränkt werden, so konnte sich die religiöse Tätigkeit bei einiger Vorsicht und Klugheit weiterentwickeln, wenn auch unter mancherlei Behinderungen.
Nachdem in den ersten Wochen nach der Auflösung des Vereins sich zunächst keine Hinweise auf die Weiterführung der Männerseelsorge im "Kirchenblatt" finden, erschien in der Ausgabe vom 3. November 1935 unter "Pfarramtliche Mitteilungen" folgender Artikel:

Männersonntag.


"Das Königtum Christi, das wir kürzlich gefeiert haben, muß vor allem die Männerwelt erfassen. Es gibt wohl keinen König, der die Männer in gleicher Weise begeistern könnte, wie Jesus Christus! Welchen Mut bezeigt er, welche unbeugsame Charakterfestigkeit! Damit vereint er höchste Selbstbeherrschung, größte Menschenliebe und echt königliche Seelengröße! Müßte er nicht alle Männer in seinen Bann ziehen? Sollte die Männerwelt heute nichts mehr von ihm erwarten können? Heute, wo es soviel Zweifel, soviel Leidenschaft und soviel Schwäche gibt?
Am heutigen Sonntag habt ihr katholischen Männer von Herz-Jesu alle Gelegenheit, in der hl. Messe um 7.45 Uhr dem Gottessohn Jesus Christus Eure Huldigung darzubringen. Ist das Gotteshaus am Männersonntag mit Männern gefüllt, sieht man am ersten Monatssonntag die Männer gemeinsam zur Komunionbank schreiten, nimmt der Mann bei allen Anlässen, wo es gilt, den christli
chen Glauben zu bekennen, den ersten Platz ein - welche Freude ist das für den Gottessohn, welche Erbauung für den Nächsten und welcher Antrieb für den katholischen Mann selber! Nachmittags um 4.30 Uhr wollen wir die Männerandacht mit Predigt volzählig besuchen. Auch der Besuch der Nachmittagsandacht soll für alle katholischen Männer zum ersten Monatssonntag gehören."
Die gleiche Ausgabe zeigt auch, daß die schon unter dem Präses Kaplan Grimmelt eingeführte Bibelarbeit weitergeht:
"Bibelkreis für katholische Männer der Herz-Jesu-Pfarre.
Die nächste Bibelstunde ist am Montag, dem 4. November, abds. 7.30 Uhr, in der Kaplanei. Sie soll in Zukunft um die gleiche Stunde alle 8 Tage stattfinden."Auf einer Konferenz der Dechanten am 28. Oktober 1935 in Münster ging Bischof Clemens August Graf von Galen auf die Aushöhlung und Aufhebung kirchlicher Vereine im allgemeinen und auf die Lage der Knappen- und Arbeitervereine im besonderen ein und sagte unter anderem:
"Das neue Schlagwort von der "Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens" gab den Vorwand, auf alle Beamten und Angestellten der öffentlichen Verwaltung in gleicher Weise wirksamen Druck auszuüben, damit sie aus den konfessionellen Vereinen austreten und ihre Kinder aus denselben herausnehmen. So bitter es ist, dieses systematische und an vielen Orten mit unerhörtem Druck durchgeführte Aushöhlen unserer Vereine zu ertragen, so können wir es doch nicht verantworten, daß unsere braven Vereinsmitglieder um ihrer Treue zum Verein willen um Arbeit und Lebensunterhalt kommen. Wenn solche sich mündlich oder schriftlich abmelden, so werden die Seelsorger sich hüten müssen, ihnen verdeckt oder gar offen Vorwürfe zu machen; sie werden ihnen im Gegenteil danken für ihre bisherige Mitarbeit und auf jeden Fall die Verbindung mit ihnen aufrecht zu erhalten suchen, besonders auch, indem sie die bisherigen Mitglieder der Standesvereine wenigstens für die rein religiös kirchlichen Vereine (Kongregation oder auch Männerapostolat) zu gewinnen trachten. Das scheint mir besonders auch in jenen Bezirken dringend geboten, wo leider die Arbeiter- oder Gesellenvereine durch die Staatspolizei aufgelöst sind. Ich hoffe ja noch, daß es unseren Bemühungen gelingen wird, diese Auflösungen wieder rückgängig zu machen. Aber die Zugehörigkeit z.B. zur Männerkongregation oder zum Männerapostolat ist ja weniger Ersatz als Ergänzung der Aufgaben der Standesvereine."
Im Sinne der Bischofsworte vom 28. Oktober 1935 handelt auch der Aufruf, der am 17. November 1935 in den "Pfarramtlichen Mitteilungen" des Kirchenblatts erschien:
"Katholischer Mann, schließe dich der Männerongregation an.

Die kath. Männerkongregation soll die Männer aller Stände und Berufe erfassen. Sie soll Bildungs- und Pflegestätte sein unserer religiösen Ziele innerhalb der Männerwelt. Es ist darum sehr erfreulich, daß in den letzten Monaten unserer seit Jahrzehnten bestehenden Männerkongregation zahlreiche neue Mitglieder beigetreten sind. Die Männerkongregation will ihre Mitglieder in ihrem Stand heiligen. Sie will, daß ihre Mitglieder andere auch retten und heiligen durch Wort und Tat, besonders durch das persönlich gute Beispiel in der Familie, auf der Arbeitsstätte, im Handel und Wandel. Sie will, daß ihre Mitglieder ohne Menschenfurcht eintreten für die Rechte unserer katholischen Kirche, deshalb stehen sie in unwandelbarer Treue zu ihrem Bischof und Klerus. - Anmeldungen werden jederzeit in dem Pastorat oder bei den anderen Geistlichen entgegengenommen."
Soweit es aus den noch erhaltenen Kirchenblättern ersichtlich ist, wurden die wöchentlichen Bibelstunden regelmäßig fortgesetzt. In einer Ankündigung zum "Bibelkreis" heißt es:
"Wer heute als katholischer Mann seine Aufgaben in der Welt so ganz erfüllen will, muß auf seine religiöse Durchbildung bedacht sein."


17. Die Herz-Jesu-Gemeinde während des Nazi- und Kriegsterrors 1934-1945

Aus einem Bericht des Kaplans Heinrich Allgaier
"Erinnerungen aus den Jahren 1931-1947"
vom Januar 1948


... In diesen Jahren zwischen 1934 und 1937 war das Vereinsleben vollständig schon zum Erliegen gekommen. Vor allen Dingen war eine Jugendarbeit kaum noch möglich, weil gerade die Jugend unter dem ersten Erfolg des Hitlertums begeistert dieser neuen Lehre folgte. Hitler brachte ihnen ja Verdienst, gutes Leben, freudevolle Fahrten, guten Urlaub, Zeltlager und andere Dinge, die seitens der katholischen Jugendarbeit in gar keiner Form mehr aufgefangen werden konnte.
Wir haben in den ersten Jahren noch versucht, wenn auch in geheimer und getarnter Form, Wanderungen und Fahrten zu machen, mußten es aber bald aufgeben. Die Hitlerjugend und die SA hatten nämlich in den Wandergebieten einen förmlichen Streifendienst eingesetzt, der jeden katholischen Jugendlichen, der es wagte zu wandern, zur Anzeige brachte. Gruppenbildungen irgendwelcher Art unter Jugendlichen waren strengstens verboten, weil man sozusagen der Kirche das Wasser von unter her abgraben wollte.
Je mehr aber gerade die Hitlerjugend militarisiert wurde und je 
mehr Jungen und Mädchen den Kommandodruck und den Führerdruck merkten, desto mehr wandten sich die Einsichtigeren und Aufgeschlosseneren wieder der Kirche zu. Sie spürten, daß innerhalb der Kirche doch ein Raum war für die persönliche Freiheit und Selbständigkeit und daß man ihr in der Kirche Jugendfreude und Jugendleben gönnte. Diese Gruppen aber waren sehr klein und durch Überwachung und Spitzel außerordentlich gefährdet.
In jenen Jahren fing auch die Polizei an, mehr und mehr die Predigt der Kirche zu überwachen. Dinge, die bisher schon in der Schule zu sagen verboten waren, durften nun auch auf den Kanzeln nicht mehr genannt werden. Vor allen Dingen durfte über die kritischen Punkte Altes Testament, Judentum, Abstammung, Kirche für alle Völker, eheliche Sittlichkeit, im Gegensatz zu germanischem Volksempfinden und viele andere Dinge nicht mehr gepredigt werden. Wer über diese Dinge in jenen Jahren predigte, mußte ein gutes Stück an Mut und noch mehr an geschickter Darstellung aufbringen, um sich selbst bei der dauernden Überwachung nicht zu gefährden. Die Gläubigen wurden aber mehr und mehr hellhörig auf diese Dinge, so daß sie selbst aus einer versteckten Sprache den Wahrheitskern gut heraus merkten und in ihrem Verhalten auch zur Anwendung bringen konnten.

Aufkeimender Widerstand
Um 1937 herum war die Lage der Kirche wirklich bedrohlich geworden. Eine große Jugendkundgebung in Herz-Jesu, die doch zu Anfang noch immer brechend voll war, zeigte in jenen Jahren eine gähnende Leere. Man spürte deutlich, daß bestimmte Schichten inzwischen der Kirche fern standen.
Anders wurden die Dinge, als der Bischof von Münster zum Widerstand rief. Es hatte zwar auch darin seinen Grund, daß die Greuel des Nationalsozialismus immer stärker in den Vordergrund traten. Das Volk sprach in jenen Jahren schon offen über die Liquidierung in den Irrenanstalten. Es wurden grausige Geschichten erzählt von Urnenpaketen, die in dieser oder jener Familie gelandet waren. Auch bei uns in der Kirche kamen Nachrichten von Menschen, die eines plötzlichen Todes in einer solchen Anstalt gestorben waren.
Als diese Dinge anfingen durchzusickern, war es eigentlich um die Angriffsstärke des Nationalsozialismus geschehen. Wohl versuchte man durch Filme von neuem wieder Stimmung zu machen, aber jeder Einsichtige dachte doch daran, daß auch er eines Tages das Opfer irgendeiner Indikation werden könnte.
Vor allen Dingen waren die Kinder der Hilfsschulen in jenen Jahren sehr gefährdet. Manche verzweifelte Aussprache mit Lehrpersonen und Eltern hat es in jenen Jahren gegeben und jenen, die es gewagt haben, vor den Erbgesundheitsgerichten die Meldebögen zu fälschen, gebührt noch heute großer Dank, weil sie vielen Kindern das Leben gerettet häben. Gefährdete Kinder aus jenen Jahren erfreuen sich darum auch heute noch ihres Daseins.
In jener Zeit war es auch, daß wir die Schule verlassen mußten.

Wir standen vor einer außerordentlich kritischen Lage. Die Kinder wurden zurückgehalten seitens der Lehrer, die Religionsstunden wurden ausgefüllt durch Turnstunden, selbst der Gottesdienst wurde durch Wanderungen und durch Kinovorstellungen, die pflichtmäßiger Art waren, an den Sonntagmorgenden unterbunden.
Auf Geheiß des Bischofs suchten wir in jenen Jahren durch sogenannte Seelsorgstunden diese Lage zu meistern. Es ist aber keine übertriebene Feststellung, wenn gesagt wird, daß dies ein mühseliger Kampf war. Der Unterricht fand des öfteren in einem Keller der Kaplanei statt, verborgen und versteckt, wie in den Tagen der ersten Christen.
Die Stunde selbst war eine ungeheuere physische und psychische Anstrengung, einmal, weil der Raum klein und eng war, dann aber auch deshalb, weil die Kinder von vornherein gegensätzlich eingestellt waren. Dann wurde auch dieses schon gefährlich, so daß wir mit dem Unterricht in den kleinen Saal der Kirche oder in die Sakristei zogen.
Da aber allmählich der Widerstand des Volkes anfing zu wachsen, wurde auch der Besuch dieser Stunden nach und nach besser, trotz der großen Schwierigkeiten, unter denen sie gehalten wurden. Oft fehlte eine ganze Klasse, wenn Stunde angesetzt war, weil der Lehrer eine Wanderung unternahm, oft war ein Klasse zum Angriff geradezu vorbereitet. Oft war sie in einer derartigen Stimmung, daß ein Unterricht fast gar keinen Sinn hatte. Manchmal war es nur möglich, durch geschickte Erzählungen und spannende Geschichten die Kinder überhaupt zu halten. Bei den Hilfsschülern war der Widerstand oft derartig, daß solche Stunden ergebnislos abgebrochen werden mußten. Körperlich waren derartige Stunden oft eine Strapaze, weil sie in ungeheizten Räumen und ohne jegliche schulischen Hilfsmittel abgehalten werden mußten.


Katakomben-Christentum
In der Jugendarbeit fanden sich aber in jenen Jahren schon mehr und mehr junge Männer zusammen, vor allen Dingen Reste aus den Gesellenvereinen, aus den Sturmscharen, aus dem katholischen Jungmännerverband, die in Arbeitskreisen bewußt eine Aufklärung über die Irrtümer der Zeit und eine Ausrichtung ihrer sittlichen Haltung suchten. Ein solcher Kreis hat in unserer Kaplanei jahrelang getagt.
Da wurden dann gerade die Kirchenfragen, Rassefragen, das Alte Testament, die Abstammungsfragen, die Gestalt Jesu Christi als des Heilandes und Erlösers, die rechte Auffassung von der Ehe, die eine Kirche, besprochen. Als großes Ergebnis dürfen wir buchen, daß keiner der Teilnahmer zum Verräter geworden ist und daß alle Teilnehmer bis heute diesen guten Geist bewahrt haben und zu neuer Arbeit ansetzen.
Verzweifelt war die Stimmung oft dann, wenn einer der Teilnehmer unter besonders großem Druck stand. So sei rühmend hervorgehoben ein junger Mann, der hier in der Polizeikaserne Dienst tun mußte. Fast an jedem Abend brachte er Beispiele von den sogenannten
Schulungsvorträgen, wie dort die Kirche "durchgezogen" worden war in welch gemeiner Form oft die Würde und Ehre von Menschen und Familie herabgerissen worden war. Er sah sich nicht in der Lage, öffentlich gegen diese Schmähungen vorzugehen, was ihn kränkte und was aussichtslos gewesen wäre.
So sammelten wir uns dann des öfteren zum Gebet jener Bitte des "Vaterunser" "... führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel." Leider ist dieser junge Mensch an der deutschen Grenze später gefallen. Als ich seine Frau, die mit fünf Kindern zurückgeblieben war, aufsuchte, um ihr meine Teilnahme auszusprechen, sagte sie nur das eine Wort: "Hoffentlich hat der Bernhard seinen Tod bei vollem Bewußtsein erlebt, um das Opfer seines Lebens vollenden zu können." Sie selbst stand als die starke Frau da, inmitten eines großen Sturmes und inmitten eines fast übermenschlichen Leidens.


Unterdrückung der Polen-Seelsorge
Eine seelsorgliche Arbeit hatte in jenen Jahren verhältnismäßig große Freiheit, das war die Polenseelsorge. Hitler versuchte ja mit Polen in ein günstiges nachbarliches Verhältnis zu kommen. In Wirklichkeit waren natürlich all' diese Dinge nur äußerlicher Schein. Auch die Polenseelsorge wurde weitgehendst bespitzelt. Der Vertreter der Geheimen Staatspolizei schlich durch die Wirtschaften der Stadt, lud die Polen zum Schnaps ein und fragte sie dann nach all' den internen Angelegenheiten der polnischen Vereine aus.
Leider haben auch hier eine Reihe die Falle, die ihnen so fein gestellt wurde, nicht gemerkt. Manche Dinge sind auf diese Weise früh der Polizei bekannt gewesen, so daß sie im Augenblick des Ausbruchs des Polenkrieges ohne Schwierigkeiten die Vertreter der polnischen Vereine verhaften konnte. Es waren in jenem Monat 11 angesehene katholische Männer polnischen Volkstums, die von der Geheimen Staatspolizei verhaftet wurden.
Das Los der hinterbliebenen Frauen war außerordentlich kritisch. Die Häuser wurden dauernd von Spitzeln umgangen, so daß sie in ihren eigenen Wohnungen praktisch verhaftet waren. Die Verhafteten selbst wurden längere Zeit in Bottrop im Gefängnis gehalten und dann später nach Sachsenhausen ins Konzentrationslager abgeführt. Einer von diesen Männern ist daselbst gestorben.
Zum Glück ist es gelungen, das Eigentum dieser Vereine vor der Beschlagnahmung zu retten. Die Gelder wurden den Schwestern verabreicht zum Ankauf von Medizin und Verbandsstoff. Die brauchbaren Uniformstücke wurden an die Mitglieder verteilt, die Fahnen in den Kellern der Kirche geborgen.
Im Augenblick war natürlich auch jegliche öffentliche polnische Gottesdiensthandlung verboten. Als ich an jenem ersten Sonntag nach Ausbruch des Krieges auf die Kanzel kam, hatte der Pastor am Abend vorher einen telefonischen Anruf bekommen, der Art, "wenn bei Ihnen morgen noch polnisch gepredigt wird, dann schlagen wir Ihnen die Bude zusammen". Tatsächlich war es auch so, daß hinten
in der Kirche sich eine Reihe Banditen aufgestellt hatte, mit der deutlichen Geste, daß sie irgendein Instrument kampfbereit in der Tasche verborgen hielten. Die hl. Messe verlief unter absolutem Stillschweigen, nur das Evangelium wurde in deutscher Sprache verlesen. Niedergeschlagen gingen die Leute nach Hause, zumal ihnen durch Lautsprecher und staatliche Propaganda klar gemacht wurde, daß Polen entgültig verloren sei.
Nach dem bekannten 18-tägigen Blitzkrieg läuteten leider Gottes auch tatsächlich 8 Tage die Glocken aller Kirchen zum Dank für den über Polen errungenen Sieg und den Untergang Warschau's. Kein Mensch dachte in jenen Tagen daran, daß eines Tages zum Untergang Deutschlands nicht einmal mehr die Totenglocken läuten würden, sondern, daß dieser Untergang in absolutem Schweigen sich vollziehen würde.


Nach Kriegsausbruch
Der Ausbruch des Krieges brachte in der seelsorglichen Arbeit eine gewaltige Umstellung. Am ersten Kriegstage erhielten wir von der Polizei den Befehl, sofort die Kirchen zu schließen. Er wurde begründet mit Luftabwehrmaßnahmen, in Wirklichkeit sah es aber schon sehr bald nach einem Schlag gegen die Kirche überhaupt aus.
Die Bestürzung unter der Bevölkerung war sehr groß. Schon waren wir geneigt, durch Hintertüren die Leute in die Kirche zu führen, als die Sache gleich, offenbar durch höhere Vorstellungen, abgeblasen wurde.
Gleich am ersten Sonntag nach Kriegsausbruch zogen feindliche Flieger über das Stadtgebiet. Es fielen auch einige Bomben in der Nähe der Schleuse am Kanal, deren Wirkung aber so gering war, daß man für den Ausgang des Luftkrieges glaubte, keine Befürchtungen haben zu müssen. Die Unruhe unter der Bevölkerung war aber einmal da, und der Krieg hatte begonnen.
Sehr stark wurden wir beansprucht von den Luftschutzmaßnahmen. Unsere Keller in den Wohnungen wurden abgestützt durch besondere Einsatzkommandos. In der Kirche brachte man auch besondere Absperrmauern an, um den Leuten Möglichkeiten für Unterkunft bei Angriffen zu bieten.
Wir Geistlichen wurden zur Polizei befohlen, um uns über Luftschutzmaßnahmen unterrichten zu lassen und wurden sozusagen damit in den aktiven Luftschutzdienst mit eingereiht. Die ganzen Dinge blieben aber bis zum Anlaufen des eigentlichen Luftkrieges im Herbst 1942 ziemlich harmlos, nur, daß wir Nacht für Nacht aus den Betten gezerrt wurden, daß die Flak ihr Höllenkonzert inszenierte und daß durch große reklameähnliche Bekanntmachungen die Erfolglosigkeit der bisherigen Angriffe demonstriert wurde oder, daß einige Kulturdenkmäler getroffen seien und geringer Sachschaden angerichtet worden wäre.


Beschlagnahme der Glocken
Einschneidend aber im gesamten kirchlichen Leben dieses ersten Kriegsjahres war der Ausbau der Glocken. Dieselben waren auf Befehl beschlagnahmt und zur Abmontierung gemeldet worden. Was man zunächst nicht glauben wollte, wurde Wirklichkeit um Weihnachten 1940/41. Ein Kommando fuhr an und begann, die Glocken auszubauen. Alles geschah natürlich unter möglichster Geheimhaltung bei der Bevölkerung, da man jegliche Unruhe vermeiden wollte und andererseits auch klar wieder sagen wollte, daß dies kriegsnotwendige Maßnahmen seien zum Endsieg der deutschen Waffen.
Trostlos wurde die Demontage der Glocken in jenem Augenblick, als sich herausstellte, daß die große Grocke nicht durch die Öffnung des Turmes zu transportieren war. Da blieb dem Kommando nichts anderes übrig, als sie an Ort und Stelle auf dem Turm zu zerschlagen. Dieses Wimmern und Jammern und Stöhnen einer Glocke machte die Menschen unseres Wohnbezirkes geradezu nervös. Es ging von morgens bis abends in einem gleichmäßigen Takt und immer mußte man wieder feststellen, daß die Glocke noch nicht zersprungen war.
Dann spürte man aber an den Schlägen, daß der Ton anders wurde, das Jammern und Stöhnen der Glocke wurde dumpfer und unheilvoller, bis dann mit einmal nichts mehr zu hören war. Dann sahen die erschreckten Leute, die zur Stadt gingen, eines Tages Reste dieser zerschlagenen Glocke an Flaschenzügen aus dem Turm herunterkommen. Kinder sicherten sich noch einige kleine Stückchen, die sie herausschlugen, und dann wiederum sah man, wie Lastwagen vorfuhren und die Glocken zum Einschmelzen abtransportierten.
In jenen Tagen geschah in einer Seelsorgstunde eine merkwürdige Geschichte. Ein Kind, mit Namen Erna, erkundigte sich über das, was auf dem Turm vor sich ging. Der Religionslehrer konnte nur sagen, daß die Glocken abtransportiert würden, weil sie für den Krieg gebraucht würden. Er erinnerte daran, daß dieses nun schon zum zweiten Male geschehe und fügte auch hinzu, welch großen Geldwert solche Glocken darstellten und welchen Beitrag die Gemeinde für den Krieg in diesem Augenblick leiste. Die Kinder hörten sich diese an sich nur vordergründigen Erklärungen an, und dann stand genannte Erna auf und sagte auf einmal: "Wenn die Glocken nun aber eingeschmolzen sind, dann können sie aber zum Sieg nicht mehr läuten."


Behinderung der Gottesdienste
Durch die Luftschutzmaßnahmen trat nun aber sehr bald doch eine außerordentliche Erschwerung des Gottesdienstes überhaupt ein. Angeblich waren die Leute, vor allen Dingen die Arbeiter, durch die nächtliche Alarme derartig ermüdet, daß sie in der Frühe eines Sonntagsmorgens nicht aufstehen konnten. Auch durfte ja von der katholischen Kirche nicht unnötig die Arbeitskraft des deutschen Volkes beansprucht werden.
Darum kam der Erlass heraus, der verlangte, daß die Kirchen bis 10 Uhr geschlossen seien. Danach konnten wir nur noch um 10 Uhr und um 11 Uhr eine heilige Messe halten. Die Leute stauten sich in den Kirchen. Die Abhaltung des Gottesdienstes, vor allen Dingen seine Würde, war außerordentlich fragwürdig geworden. Durch bischöfliche Verfügung wurde es in jenen Jahren möglich, auch des Nachmittags eine hl. Messe zu halten.
Lobend sei an dieser Stelle noch hervorgehoben, daß der damalige Chef der Geheimen Staatspolizei in Bottrop, der ein Pfarrkind unserer Kirche war, weitgehendst Nachsicht geübt hat. So konnten wir auch vor 10 Uhr privat eine hl. Messe halten. Später sogar wurde es durch seine Großzügigkeit möglich, diese ganze Luftschutzordnung aufzuheben. Man verstand sich auf die Formel, daß eben bis 10 Uhr aller Gottesdienst nur rein privater Art sei und daß dann nach 10 Uhr aller Gottesdienst öffentlich sei. Als die Regelung kam, war die Macht der Partei bereits soweit gebrochen, daß sie sich zu irgendwelchen Aktionen gegen diese Durchbrechungen ihrer Intention nicht mehr aufraffen konnte.


Leiden und Tod des Pfarrers
Das Frühjahr 1942 brachte uns den Tod unseres bisherigen Pfarrers Runtenberg. Er war an einem Abend beim Dechanten auf dem Eigen zu einem Konveniat eingeladen. Dabei mußte er menschlichen Bedürfnissen nachgehen und verfehlte eine Tür, so daß er durch eine falsche Tür auf die Kellertreppe geriet, dort abstürzte und nach einiger Zeit auf dem Boden des Kellers mit einem Oberschenkelhalsbruch aufgefunden wurde. Er wurde sofort in das Krankenhaus gebracht, wo er gleich von Kaplan Weber und mir aufgesucht wurde. Er war guter Dinge, als wir ihn auf dem Krankenwagen antrafen und meinte, nun endlich etwas zur Ruhe kommen zu können. Er dachte nicht daran, daß es der Anfang der ewigen Ruhe sein würde.
Seine Krankheit nahm zunächst einen durchaus normalen Verlauf. Nach und nach übertrug er uns mehr und mehr die Rechte der Pfarrverwaltung und begann auch, sich innerlich von seinen pfarrlichen Pflichten zu lösen. Bald stellte sich auch heraus, daß nicht bloß genannter Bruch das größte Leiden sei, sondern, daß ein schon lange verborgnes Darmleiden anfing, auszubrechen. Er selbst sah mehr und mehr ein, daß er dem Tod verfallen sei und traf auch bereits seine letztwilligen Verfügungen.
Seine Todesnachricht erhielten wir an einem Sonntag in der Fastenzeit, morgens während der Acht-Uhr-Messe. Wir haben gleich nach der Messe den Gläubigen den Tod des Pfarrers bekanntgegeben und für ihn gebetet. Am Abend haben wir für seine Seelenruhe eine feierliche Gedächtnisandacht gehalten und in einer Predigt seine Verdienste um die Pfarrei gewürdigt.
Sein Leichenbegängnis war der lebhafte und lebendige Ausdruck für die Verbundenheit des Priesters mit seiner Gemeinde. Obwohl durch die Luftschutzmaßnahmen ein größerer Aufzug von Gläubigen auf der Straße verboten war, ließen es sich die Leute doch nicht nehmen, in ganz großen Scharen an der Beerdigung ihres Pfarrers teilzunehmen. Alle äußeren Ausschmückungen mußten natürlich wegfallen. Es war das schon die Zeit, wo sogar bestimmte Pfarren durch Kirchenfahnen Anstoß erregten.


Ende der Fronleichnams-Prozession
In diesen Jahren erlebte auch die Fronleichnamsprozession langsam ihr Ende. Sie war schon in den Jahren vor dem Kriege außerordentlich erschwert, besonders dadurch, daß wir laut Verfügungen Verkehrsstraßen erster Klasse nicht mehr betreten durften. Darum mußte diese Prozession auf Seitenstraßen sich bewegen, so daß alles den Eindruck einer Aufführung von staatsgefährlichen Aktionen annahm.
Die Prozessionen wurden seitens der Polizei kontrolliert, sogar photographiert und bestimmte Leute in exponierten Stellungen hinterher zur Rechenschaft gezogen. Vor allen Dingen erregte der am Schluß der Prozession befindliche Teil der polnischen Vereine das allergrößte Ärgernis. Rufe derart "da kommen die polnischen Schweine" auf offener Straße, bei feierlicher Prozession, waren in jenen Jahren keine Seltenheit. Dann wurde die Prozession sogar in der Zeit noch weiter eingeengt.
Die letzte Prozession, die wir gehalten haben, mußte wiederum laut Verkehrsordnung bis 8 Uhr beendet sein. Wir zogen schon in aller Frühe gegen 5 Uhr aus, gingen über die Kellermannstraße, was auch damals ein Problem war, weil wir dabei die Verbandstraße überschreiten mußten, zogen dann über die Waldhausenstraße, Mühlenstraße, Bellenbrockstraße, Wortmannstraße und von das aus zur Kirche wieder zurück. In jenen Jahren wurde bei der Mühle Rottmann am gleichen Altar zweimal ein Segen gegeben, bei Schlenhoff eine Segensstation errichtet und der vierte Segen mit dem Schlußsegen am Hauptaltar in der Kirche vereinigt.
Als nun der Luftkrieg in den ersten Kriegsjahren etwas zugange kam, hatte man die gewünschte schützende Handhabe, die Sache ganz zu verbieten, indem man nämlich wegen Gefährdung von Volksgenossen größere Aufzüge auf den Straßen nicht mehr dulden wollte. Somit war die Fronleichnamsprozession zum Tode verurteilt.
In jenen Jahren kamen auch Vorschriften heraus, wonach bei einem Leichenbegräbnis nicht mehr als 30 Personen teilnehmen durften. Wenn wir seitens der Polizei verpflichtet wurden, auf die Durchführung dieser Maßnahme zu achten, gaben wir der Polizei immer wieder zu verstehen, daß auch der Gesetzgeber auf die Durchführung der Gesetze selbst achten müßte. Im Ernst sind diese Verfügungen nicht durchgeführt worden, weil sich die Leute einfach daran nicht gestört haben.


Erste schwere Bombenangriffe
Im Herbst 1942 bekamen wir in unserer Pfarrei auch die ersten Bombenangriffe wirklich zu spüren. Bottrop lag nämlich in der Anfluglinie auf Essen, bzw. der Krupp-Werke, die ein erstes Ziel der feindlichen Luftangriffe waren. Getroffen wurde 1942 im Spätherbst die Straßenkreuzung Essenerstraße - Prosperstraße. Dabei gingen eine Reihe Häuser durch Bombentreffer und durch Brandbomben zu Bruch.
Als die deutsche Luftabwehr merkte, daß der Krieg schärfer wurde, begann sie auch ihre Abwehrmaßnahmen stärker zu betreiben. Alle Keller wurden stärker ausgebaut, die Geistlichkeit aus den Pfarreien zu Luftschutzkräften geschult, um dann entsprechend eingesetzt zu werden.
Den ersten schweren Schlag bekamen wir im März 1943. Es war eine Nacht, in der ein schwerer Angriff auf die Krupp-Werke geflogen wurde. Über der Stadt lagen die Flaksperren. Die feindlichen Staffeln gerieten offenbar hier in schwerstes Feuer und begannen abzuladen. Essen selbst stand schon in hellen Flammen, als es auch um das Gebiet der Pfarrkirche und der Kaplanei anfing, Brandbomben zu regnen. Es war ein höllisch schauerliches Bild, als überall zunächst die kleinen Stichflammen anfingen aufzuglühen, dann in dem hellen Magnesiumlicht alles taghell wurde und hier und da größere Gebäude anfingen zu brennen. Als alles schon am brennen war, kam der Bombensegen. Das Nachbarhaus der Kaplanei wurde von zwei Bomben getroffen, die in die vorderen Keller gingen. Unmittelbar darauf schlug eine Mine auf das Straßenpflaster, riß eine halbe Schiene weg und richtete in der Umgebung der Straßenkreuzung schwerstes Unheil an.
Die Kaplanei selbst wurde inwendig fast ganz ausgeräumt, das Dach war abgedeckt und zerschlagen, mehrere Wände waren herausgefallen, im ganzen Haus war keine Tür und kein Fenster mehr, Möbel und Bücher und Porzellan, alles lag wild durcheinander, so daß man am anderen Morgen nur noch mit Schüppen und großen Besen den Schutt entfernen konnte. Ähnlich sahen auch die Nachbarhäuser aus. In einem Nachbarhaus hat es durch diese Mine auch mehrere Tote gegeben.
In der 2. Kaplanei waren Brandbomben eingeschlagen, und es begann im oberen Eckzimmer und auf dem Dach gefährlich zu brennen. Es ist uns aber gelungen; die Brände zu löschen, indem wir die brennenden Sachen zum Fenster herauswarfen und die Brandstellen mit Sand und Wasser abdeckten.
Im Luftschutzkeller hatten sich während dieses Angriffes dramatische Szenen unter der Frauenwelt abgespielt. Glücklicherweise ist niemand zu Tode gekommen, höchstens waren einige nervöse Erschütterungen zu verzeichenen.
Nach diesem Angriff bin ich gleich durch die Stadt. Auf der Hochstraße brannten lichterloh die großen Geschäftshäuser. Verwirrte Menschen, zum Teil sogar im Nachtkleid, rannten über die Straßen und schrien nach Wasser und Hilfe. Auch die Cyriakus-Kirche brannte zunächst ganz klein, dann aber in einem gewaltigen Feuer. Althoff brannte und brach noch in der Nacht mit großem Getöse zusammen.
Mit unserem Pastor bin ich über's Dach der eigenen Kirche geklettert, um nach Brandbomben zu sehen. Es waren auch eine Reihe durchgeschlagen, aber auf dem Zementboden der Kirche, ohne zu zünden, ausgebrannt. Die Pastorat hatte auch einen Treffer, der aber bald gelöscht werden konnte.


Seelsorge im Bombenhagel
Die Jugendarbeit und Kinderarbeit war in jenen Jahren außerordentlich schwer. Die Seelsorgsstunden mußten oft unter den Störungen des Flackbeschusses, selbst bei Alarm, im Keller gehalten werden. Noch heute ist rührend jegliche Erinnerung an die Kinder, die mit seltener Treue und eigenwilliger Bereitschaft auch diese Dinge durchgehalten haben.
Die Jugendarbeit war sozusagen vollständig am Ende und doch zeigte sich schon überall ein neuer Ansatz, denn mehr und mehr sah auch die Jugend ein, wohin der Krieg ging und gerade die Einsichtigeren aus den gesunden Familien fanden sich wieder zu ganz kleinen Kreisen. Um der Beobachtung seitens der Polizei zu entgehen, fanden diese Gruppenabende unter einem Deckmantel, sei es eine Namenstagsfeier oder Geburtstagsfeier, in Privathäusern statt. Meistens waren es nur 6 oder 8 Jugendliche, die an solchen Kreisen teilgenommen haben.
Als dann später Krieg und oft auch Verfolgung immer schärfer wurden, wurden diese Jugendgemeinschaften zu Gebetsgemeinschaften und haben auch als solche den Krieg überstanden. Sie boten nach dem Kriege das Fundament, auf dem eine spätere Jugendarbeit wieder aufgebaut hat.
Wenn wir auch die ganze Schwere des späteren, immer schärfer werdenden Luftkrieges, vor allen Dingen jene Teppichwürfe in den Nachbarstädten, nicht zu spüren bekamen, so haben wir doch genug vom Luftkrieg mitbekommen. Es gab bald keinen Tag und keine Nacht mehr, die nicht ohne Alarm war. Achtmal sind die Kirchenfester vollständig herausgeschlagen worden. Der Pastor und ich haben oft im Arbeitszeug den Schutt und das zersplitterte Glas weggeräumt. Während der Alarmzeiten verteilten wir Geistliche uns in die verschiedenen Bunker, um nicht alle auf einmal gefährdet zu sein und um an verschiedensten Stellen immer wieder bereitzustehen. Von 1944 an war jegliche seelsorgliche Tätigkeit nur noch ein Kampf mit Krieg und Tod. Irgendein geordneter Gottesdienst oder gar geordnete Jugendstunden und Kinderstunden waren nicht mehr möglich. Nach den Alarmen während der Nacht besuchte man die getroffenen Viertel, sprach den Leuten, die vor ihren brennenden Häusern und den Trümmern ihrer Wohnungen standen, Mut und Kraft zu. Erschütternd war es immer wieder, wenn man Menschen, die eben aus Trümmern geborgen waren, oft in Staub und Schmutz, auf der Straße und in den Höfen, die Sterbesakramente spenden mußte.
Geradezu beängstigend wurde der Luftkrieg in seinem letzten Abschnitt. Der Keller der Kirche verwandelte sich dann zu einem großen Massenquartier, das die Menschen Tag und Nacht beherbergte. Als sich aber auch da die Leute nicht mehr sicher fühlten, zogen sei den großen Bunker unter dem Dickmann'schen Wäldchen vor. Fast regelmäßig habe ich durch diesen Bunker meine Runden gemacht. Da lagen dann die Menschen zu Haufen und schliefen und schwitzten in der Bunkerluft, beteten in ihren Todesängsten und schienen oft einem vollständigen Gemütszusammenbruch nahe.

Letzte Wochen und Tage des Krieges
Im Frühjahr 1945 löste sich unter dem Eindruck des Luftkrieges mehr und mehr jegliche gesellschaftliche Ordnung in der Stadt auf. Die Bahnen hörten auf, regelmäßig zu verkehren, Straßenbahnen standen still, weil sie beschossen wurden, selbst Automobile durften sich auf den Straßen nicht mehr sehen lassen, da sie dem Zugriff der Jäger ausgesetzt waren. Auch die Zuführung der Lebensmittel fing langsam an zu stocken. Eine große Nervosität breitete sich unter all' denen aus, die das Ende des Krieges befürchten mußten.
Die schlimmste Woche, die wir erlebt haben, in unserer Pfarre, war die Karwoche des Jahres 1945. Der Karfreitag sah dann die Übergabe der Stadt und den Einzug der amerikanischen Truppen, die sich auf der Prosperstraße und Essener Straße auf die Kirche zu bewegten. Als nach einer kurzen Frage des anführenden Offiziers festgestellt war, daß keine Waffen oder Soldaten im Kirchenraum verborgen seien, ließ man uns vollständig in Ruhe.
In unseren Kaplaneien bestand zweimal die Gefahr, daß wir amerikanische Einquartierung bekamen. Als aber die Soldaten hörten, daß es ein priesterliches Haus sei, ließen sie auch uns in Ruhe. Auf dem Hof unserers Nachbarhauses spielten sich allerdings dann in den ersten Tagen sehr gefährliche Szenen ab. Die Truppen hatten gemerkt, daß dort Schnaps in den Kellern lagerte und verlangten mit vorgehaltenem Revolver von dem Besitzer die Herausgabe dieser Getränke. Da unter diesen Soldaten eine Reihe war, die polnisch sprach, ist es uns gelungen, diese Männer vom Hof zu wehren und so schlimmste Dinge zu verhindern.
Unsere Kirche sah an den ersten Sonntagen nach Ostern auch amerikanische Feldgottesdienste. Die Truppen kamen in vollständig kriegsmäßiger Ausrüstung in die Kirche, stellten ihre Waffen irgendwo in die Ecke und wohnten so der hl. Messe und der Predigt bei. Die deutsche Zivilbevölkerung durfte auf der rechten Seite der Kirche Platz behalten. Auf der Orgel war ein Organist tätig, der ebenfalls polnisch konnte und einen menschlich angenehmen, sympathischen Eindruck machte.
In den ersten Wochen nach Ostern lagen wir mit unserem Pfarrgebiet innerhalb der amerikanischen Stellungen, die sich an der Emscher entlangzogen, da sich Essen nocht nicht ergeben hatte. Ein großer Teil unserer Pfarrei südlich des Südrings und des Bahnkörpers war von der Zivilbevölkerung vollständig geräumt. Erbitterte Szenen spielten sich ab um den großen Bunker an der sogenannten Schlackenhalde, auf dem sich etwa 20 deutsche Soldaten festgesetzt hatten und dem Weitermarsch der Amerikaner Einhalt geboten.
Gegen dieses letzte Bollwerk sahen wir von unserer Kaplanei auf der Essener Straße dauernd die amerikanischen Panzer in Stellung fahren und die Kämpfenden zum Gefecht aufziehen. Trostlos war die Laae der deutschen Zivilbevölkerung. die in diesem Schlackenbun-

ker tagelang, ohne jegliche Betreuung, fast in vollkommener Finsternis, ihr Leben fristen mußte. Die Luftzufuhr war bereits abgeschnitten, sanitäre Betreuung schon nicht mehr möglich. Das Essen fing an auszugehen und die Leute begannen unter sich einen Krieg der Verzweiflung zu führen. Einigen beherzten Männern ist es in jenen Tagen gelungen, das Schlimmste in diesem verzweifelten Menschenhaufen zu verhindern. Als dann die letzten deutschen Soldaten auf der Schlackenhalde gefallen waren, wurde auch dieser Bunker freigegeben und von der Zivilbevölkerung geräumt.
In den ganzen Wochen nach Ostern zogen über unsere Pfarrei die schweren Granaten der amerikanischen Fernkampfbatterien hinüber, um Essen zusammenzuschießen. Nach der Übergabe von Essen fiel der letzte Schuß und es war so eigenartig, auf einmal kein Feuer und kein Krachen und kein Bersten mehr zu hören und zu sehen, daß man kaum glauben konnte, der Krieg sei wirklich zu Ende.
Nur sehr schwer gelang es den Menschen, sich aus ihrer Kriegspsychose zu lösen und zu einem neuen Lebensanfang in den ersten Monaten nach der Beendigung des Krieges zu kommen. Die Bevölkerung erwachte wie aus einer riesigen Betäubung. Hitler und seine Genossen waren nicht mehr da. Der Krieg war zu Ende und nun sollte auf einmal das Leben wieder seinen normalen Gang gehen. Jeder, der diese Jahre miterlebt hat, versteht es, wie schwer sich die Menschen zu einer neuen Ordnung wieder zurechtfinden konnten.
Das Jahr 1945 sah dann den langsamen Aufbau des gottesdienstlichen Lebens und des außerkirchlichen Vereinslebens. Alle Arbeit wurde aber gleich von Anfang an wieder dadurch erschwert, daß dem Volke jegliche Freiheit genommen war und Hunger und Not und Mangel mehr und mehr anfingen, im Lande einzuziehen und ihr Opfer zu verlangen."