KAB Nikolaus Groß Bottrop

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Beratung und Vertretung im Arbeits- und Sozialrecht.

Das Markenzeichen der KAB:
Wir beraten, begleiten und vertreten KAB-Mitglieder im Arbeits- und Sozialrecht. Dabei geht es vor allem um Fragen aus den Bereichen:

  • Arbeitslosenversicherung,
  • Rentenversicherung,
  • Krankenversicherung,
  • Pflegeversicherung,
  • Unfallversicherung und
  • Schwerbehindertenrecht.

Hier vertritt der
KAB-Rechtsschutz seine Mitglieder in allen Instanzen (im Arbeitsrecht in erster Instanz), und das ohne weitere Kosten, denn dieser Rechtsschutz ist im KAB-Beitrag enthalten!

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14. Inneres Wachstum unter äußerer Bedrohung Juni - September 1935


Die Monatsversammlung am 2. Juni 1935 wurde für die Mitglieder mit ihren Frauen gehalten. Religionslehrer Berhard Pardun hielt einen Vortrag über "Die Sendung der christlichen Familie in heutiger Zeit". Anschließend sagten Schulmädchen Gedichte auf und führten Volkstänze vor. Mitglieder der Theaterabteilung trugen mehrere Rezitationen vor. Dann nahm der Präses Stellung gegen den "Erlaß betr. Doppelmitgliedschaft in der Deutschen Arbeits-Front und in konfessionellen Vereinen" und verlas mehrere Schreiben des Bezirksverbandes und des Diözesanpräses, die in dieser Richtung Aufklärung gaben. Er bat die Mitglieder, bei auftretenden Schwierigkeiten ihm sofort Mitteilung zu machen, damit er das weitere veranlassen könne.
Nach den Wahlen vom 5. März 1933 war über ganz Deutschland eine Welle der "Gleichschaltung" hinweggerollt. Unter Gleichschaltung verstanden die NS-Machthaber "die allgemeine Durchsetzung der nationalsozialistischen Führung und der Organisationsprinzipien der Partei im Leben des ganzen Volkes". Wo Organisationen und Verbände dem Machtwillen der NSDAP im Wege standen, wurden sie, wie die Auflösung der Gewerkschaften und der Parteien zeigte, rücksichtslos zerschlagen und aufgelöst. Auf die Absicherung durch das Reichskonkordat vertrauend, konnten sich katholische Verbände und Vereine noch längere Zeit dem Druck widersetzen. Seit Mai 1934 wurden verstärkt Schwierigkeiten deutlich, die den Katholiken erwuchsen, die gleichzeitig in kirchlichen Arbeitervereinen und (zwangsweise) in der Deutschen Arbeits-Front (DAF) organisiert waren. Da man seitens der Partei zunächst keine Handhabe hatte, die katholischen Vereine aufzulösen, versuchte man mit Finten und Schikanen die Mitglieder zu verunsichern.
So erschienen am 16. Juni 1935 in der Ortspresse Meldungen, mehrere hundert Mitglieder der katholischen Knappen- und Arbeitervereine in Bottrop seien aus ihren Vereinen ausgetreten. Der Vorstand des Stadtverbandes nahm auf diese Pressemeldung hin eine sorgfältige Nachprüfung vor und konnte erfreut feststellen, daß im Gegensatz zu der Pressebehauptung seit Jahresbeginn bis zum 12. Juni ein tatsächlicher Mitgliederzuwachs von annähernd sechs Prozent verzeichnet werden konnte und teilte dies am 30. Juni 1935 durch eine Erklärung im Kirchenblatt mit, weil offenbar die am Ort erscheinenden Tageszeitungen diese Gegendarstellung nicht drucken durften.
Am 7. Juli 1935 war Männersonntag. Die katholischen Arbeiter zeigten durch ihre geschlossene Teilnahme an der Gemeinschaftskommunion, wessen Geistes Kind sie waren.

Ein sehr großer Teil der Vereinsmitglieder nahm am Nachmittag an der Wallfahrt zum heiligen Kreuz und zum Annaberg in Haltern teil. Mit Sonderzügen, Sonderwagen und auf Fahrrädern kamen rund 10 000 Wallfahrer zusammen. Etwa 70 Banner wurden im Zug von der Haltener Kirche zum Annaberg mitgeführt. Sechs Knappen trugen das wundertätige Kreuz in der gewaltig großen Prozession mit. Schon lange vor Eintreffen dieser Wallfahrer war der Annaberg von einer vieltausendköpfigen Menge besetzt.
Nach einleitenden Gebeten und Gesängen begrüßte Diözesanpräses Dr. August Konermann mit herzlichen Worten Bischof Clemens August Graf von Galen. Nach einem Wechselgebet zwischen Priester und Volk nahm der Bischof das Wort. Anknüpfend an das Gebet "Wir beten dich an und preisen dich; denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst" gab er zunächst seiner Freude darüber Ausdruck, daß das katholische Werkvolk in so großer Zahl, in unübersehbaren Scharen dem Kreuze gefolgt sei, um seiner Liebe und treuen Anhänglichkeit zum gekreuzigten Heiland Ausdruck zu geben. Dann predigte er über das Kreuzzeichen, das ein offenes Bekenntnis zur Religion Jesu Christi sei, das alle Teilnehmer an der Kreuzeswallfahrt gewiß gern und freudig jederzeit ablegten.
Am gleichen Tag ging in Münster das Gautreffen der NSDAP zu Ende, das dort am 5. Juli begonnen hatte. Gleich am ersten Abend hatte der Verfasser des antikirchlichen Buches "Der Mythus des 20. Jahrhunderts", Reichsleiter Alfred Rosenberg, in scharfen Worten den Bischof von Münster angegriffen, weil dieser den Regierungspräsidenten in einem Brief gebeten hatte, das Auftreten Rosenbergs wegen der zu befürchtenden aufreizenden Provokation zu verhindern. Er führte u.a. aus:
"Die Tatsache, daß von einem Bischof selbst derartige Briefe gegen einen Reichsleiter der Deutschland repräsentierenden Bewegung geschrieben werden können und keine Verhaftung eintritt, zeigt, wie tolerant der nationalsozialistische Staat einem Vertreter einer christlichen Konfession gegenübersteht."
Bischof von Galen ging am 8. Juli 1935 in seiner Antwort an die den Domplatz bis zum Horsteberg und zum "Paradies" Kopf an Kopf füllende Menge der Gläubigen, die ihm nach Schluß der "Großen Prozession" Treuegelöbnisse darbrachten, auf die Rosenberg-Rede ein und erklärte, daß er hoffe, "daß Gottes Gnade mir den Willen erhält, lieber alles zu ertragen, als vom Wege der Pflicht abzuweichen".
Es war vorauszusehen, daß die "kirchlichen Herausforderungen" nicht auf Dauer die auf dem Gautreffen gelobte "nationalsozialistische Milde" erwarten konnten. Schon seit Mai waren im ganzen Reich "Devisenschieber-Prozesse" gegen katholische Ordensleute mit entsprechender Begleitmusik des Propaganda-Ministers Joseph Goebbels geführt worden. Mit Lügen und Drohungen versuchten die Nazis die Menschen zu "überzeugen".

Göring wandte sich am 17. Juli 1935 in einem Erlaß an die Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten gegen den "politischen Katholizismus" und gegen die "Staatsfeinde im Priesterrock" und forderte, "gegen solche Mitglieder des Klerus vorzugehen, die die Autorität ihrer geistlichen Stellung zu politischen Zwecken mißbrauchen".

Er führte u.a. aus:

"Sie belassen es nicht bei den althergebrachten kirchlichen Veranstaltungen, sondern sie häufen große demonstrative Prozessionen und Kirchenfeste und bedienen sich dabei einer in der Vergangenheit noch nicht dagewesenen Aufmachung und Werbung für diese Veranstaltungen. Neben allen dem nationalsozialistischen Kampf abgesehenen äußeren Formen verleiten sie die ihnen zur religiösen Betreuung anvertrauten Volksgenossen bis zu scheinheiligen Ausrufen wie: Unser himmlischer Führer, Jesus Christus, Treu Heil! ..."

Als erste Maßnahme im Sinne des Göring-Erlasses gab die Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Münster am 19. Juli 1935 in der "National-Zeitung" bekannt:

"Die Druckschrift "Unser Kirchenblatt - Katholische Wochenschrift für die Pfarrgemeinden des Bistums Münster Nr. 28 vom 14. Juli 1935" wurde wegen des Artikels "Große Prozession und Bischofsworte in Münster" verboten und polizeilich beschlagnahmt und eingezogen. Der Artikel enthält Angriffe gegen führende Persönlichkeiten der NSDAP, u.a. gegen den Reichsleiter Rosenberg, und ist weiter seinem Inhalt nach angetan, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gefährden."

Die Ausgabe Nr. 29 des Kirchenblattes vom Sonntag, dem 21. Juli 1935, veröffentlichte das "Hirtenwort an die katholischen Arbeiter- und Arbeiterinnenverbände", in dem sich die deutschen Bischöfe mit dem Problem der "Doppelmitgliedschaft" auseinandersetzten und darauf hinwiesen, daß ein Ausschluß "große wirtschaftliche Nachteile mit der Gefahr der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz" für den Arbeiter bewirken kann.

Unter "Vereinsnachrichten" der gleichen Ausgabe teilt der Knappen- und Arbeiterverein St. Michael mit:

"Am Sonntag erwartet der Leiter der Theaterabteilung alle seine Mitglieder pünktlich um 10 Uhr im Jugendheim zur Probe. Da wir am ersten Sonntag im August unser Vereinsfamilienfest haben, muß ein jeder zur Stelle sein. Wir rechnen mit einer guten Teilnahme unserer Mitglieder bei der Wallfahrt nach Kevelaer."

Wie die Tageszeitungen am 21. Juli 1935 berichteten, hatte sich der Gauwalter der Deutschen Arbeitsfront in Düsseldort, Bangert, im "Informationsdienst" der DAF gegen die konfessionellen Arbeitervereine gewandt in dem er u.a. forderte, die Aufgabengebiete für das Diesseits und Jenseits müßten fest umrissen und zugeteilt werden: Das Leben im Jenseits gestalte die Kirche, die Religion. Hier auf Erden aber gehöre der deutsche Mensch allein dem Nationalsozialismus.


Am Mittwoch, dem 24. Juli 1935, veröffentlichte die Bottroper Volkszeitung eine Mitteilung des NS-Gaudienstes Westfalen-Nord, worin mit Nachdruck wiederholt wird, daß eine Doppelmitgliedschaft in konfessionellen Arbeitervereinen und in der DAF unmöglich seien.
An der Kevelaer-Wallfahrt am Sonntag, dem 28. Juli 1935, beteiligten sich mehr als 2 000 Bottroper Katholiken. Es war die 190. Wallfahrt in der bis dahin fast 200jährigen Pilger-Tradition der Bottroper.
Die Monatsversammlung vom 4. August 1935 fand im Saale des Jugendheimes statt und stand im Zeichen der Namenstagsfeier des Präses, Kaplan Heinrich Arenhoevel.
Im geschäftlichen Teil der Versammlung verlas der Präses ein Schreiben des Erzbischofs von Köln, Kardinal Schulte, zum Thema "Doppelmitgliedschaft" und führte dazu u.a. folgendes aus: Seit August 1933 hätten die katholischen Arbeitervereine ihre Tätigkeit nur auf religiöse, kulturelle und caritative Aufgaben beschränkt, wie es im Artikel 31 des Reichskonkordats vorgesehen sei. Von einem Standes- oder Berufsverein könne keine Rede sein. Auch stünden die katholischen Arbeitervereine unter der Aufsicht der Bischöfe, und somit sei es die Pflicht der Mitglieder, die Anordnungen der vorgesetzten kirchlichen Behörden abzuwarten und zu befolgen. Jedes Mitglied könne also mit gutem Gewissen die Erklärung abgeben, daß für seinen Verein die Begründung des Verbots der Doppelmitgliedschaft nicht zutrifft.
Unter Punkt "Verschiedenes" wurde beschlossen, alle 14 Tage, montagabends um 18 Uhr, eine Gesangsstunde abzuhalten, die dem Einüben von Volksliedern zur Belebung der Monatsversammlungen dienen solle.
Es folgte die Namenstagsfeier des Präses mit Gedicht-, Lied- und Musikvorträgen. Nach der Festansprache des Gefeierten hob sich der Vorhang zu dem Lustspiel "Sie hat die Hosen an", das die Theaterabteilung einstudiert hatte.
Inzwischen war die Hetzkampagne gegen die katholische Kirche unter den Schlagworten "politischer Katholizismus", "klerikale Hetze", "Brunnenvergifter", "Devisenschieber", "Landesverräter" und ähnlichen, wenig schmeichelhaften Ausdrücken in der Presse vorangetrieben worden.
Auf dem Gautag der DAF am 3. und 4. August 1935 in Essen sprachen Reichsminister Dr. Frick und Gauleiter Terboven. Letzterer forderte erneut lautstark die Entkonfessionalisierung des gesamten öffentlichen Lebens:
"Es soll jeder nach seiner Fasson selig werden, aber in der Politik soll die Konfession in Deutschland keine Rolle mehr spielen ..."
Als Höhepunkt des Gautages wurde die Rede des Propagandaministers Joseph Goebbels betrachtet, worin er sagte:
"Die nationalsozialistische Bewegung steht und bleibt stehen auf dem Boden eines positiven Christentums. Wir wünschen und verlangen aber, daß genau so, wie wir religiös positiv christlich sind, die Kirchen politisch positiv nationalsozialistisch sein müssen. Ein Lippenbekenntnis kann nicht genügen ... Die Jugend zur Religiosität zu erziehen, mag Sache der Kirchen sein. Die Jugend politisch zu erziehen, ist unsere Sache! Wenn die Kirchen Sportvereine gründen, so ist es denn doch sehr die Frage, ob diese Sporterziehung auf das Jenseits ausgerichtet ist. (Stürmische Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Die Jugend gehört uns, und wir geben sie an niemand ab. Auch eine konfessionelle Presse ist überflüssig. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) ... Man sieht, wo die Kulturkampfhetzer sitzen, und man wird in den nächsten Wochen zu sehen bekommen, was wir mit ihnen anfangen. (Lebhafter Beifall.)... Es gibt neben der Partei keine Organisation, die das Recht auf ein politisches Eigenleben hätte. Die Macht gehört ganz uns... Wenn sich in diese an sich harmlosen Vereine und Verbände Gegner des Staates einschleichen, um dort im Schutze von patriotischen Phrasen und Fahnen Sabotage am Staat zu betreiben, so sei ihnen gesagt: Sie fallen dann mit diesen Elementen. (Starker Beifall.)... Auf die paar tausend Meckerer können wir gern Verzicht leisten, wenn nur die 66 Millionen deutscher Menschen bei uns sind..."
Aus Gladbeck meldete am Sonntag, dem 4. August 1935, die Kreisverwaltung der DAF, daß wenige Tage nach dem Aufruf des Kreisleiters schon 130 Austritte aus konfessionellen Standesvereinen verzeichnet werden konnten. Als "Merkspruch" war in den Zeitungen zu lesen:
"Die Arbeitsfront heißt nicht Arbeiterfront, sondern sie umfaßt als Arbeitsfront Arbeiter, Angestellte und Unternehmer. Ihr letztes Ziel ist, alles Trennende aus der wirtschaftlichen Zusammenfassung herauszubringen."
Am Dienstag, dem 6. August 1935, erschien in allen Zeitungen und als Plakat ein Aufruf des Gauleiters Alfred Meyer, Münster. Darin warnte er vor "Dunkelmännern im Schafspelz", die als gewissenlose Hetzer das deutsche Volk in einen Kulturkampf hineintreiben und ihre politischen Geschäfte unter der Maske der Religion betreiben wollten. Das Plakat wurde nicht nur an den Litfaßsäulen angeschlagen, sondern auch an Schaufenstern, Türen öffentlicher Gebäude, Bauzäunen etc. angebracht, ohne eine Erlaubnis der Eigentümer einzuholen.

Wehe dem aber, der auch nur den Versuch machte, diese Plakate zu entfernen. Der Pfarrer von St. Joseph in Gladbeck-Rentfort, Joseph Reckmann, und sein Kaplan Werner Holtkamp sowie Schwester Antonia Tewes vom St. Barbara-Hospital in Gladbeck wurden wegen "Plakatstürmerei" vor Gericht gestellt, wobei Pfarrer Reckmann zu 4 Monaten und Kaplan Holtkamp zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Schwester Antonia wurde freigesprochen. Eine Gastwirtin vom Pferdemarkt in Bottrop wurde wegen des gleichen "Deliktes" von der Gestapo verhaftet und in Schutzhaft genommen.
Der Bottroper Oberbürgermeister, Dr. Günther Graf von Stosch, stellte an die Arbeiter, Angestellten und Beamten der Stadtverwaltung die am 10. August 1935 veröffentlichte Aufforderung, daß sie für sich, ihre Ehefrauen und Kinder, soweit sie konfessionellen Fach- und Standesverbänden oder -vereinen angehörten, dort unverzüglich ihren Austritt zu erklären hätten.
Im Lokalteil der Bottroper Volkszeitung konnten die Leser am 13. August 1935 eine Meldung des NS-Gaudienstes Westfalen-Nord lesen, daß aus verschiedenen Kreisen des Gaugebietes sich Meldungen über einen Massenaustritt aus den kirchlichen Arbeitervereinen häuften. Meist seien es die Führer dieser Vereine, die als erste ihren Austritt erklärt hätten.
Trotz aller Hetze ging die Vereinsarbeit im Knappen- und Arbeiterverein St. Michael ihren normalen Gang. Der Leiter der Theaterabteilung erwartete am Sonntagmorgen, dem 18. August 1935, sämtliche Spieler und Spielerinnen zur Rollenverteilung für das Theaterstück "Dreizehnlinden". Der Vorstand teilte im Kirchenblatt mit, daß die Beteiligung am ersten Singabend so gut gewesen sei , so daß "wir mit erneutem Eifer unsere Liederstunde am kommenden Montag, dem 19. August, um 6 Uhr wieder aufnehmen wollen. Weitere Sangesbrüder sind uns herzlich willkommen. Der Präses bittet umgehend um Meldung für den Doppel-Einkehrtag. Letzte Frist: 20. August."
Vom Samstag, dem 24. August, bis zum Montag, dem 26. August 1935, fand in Bottrop ein Kreistag der NSDAP statt. Tage vorher veranstalteten SA-Leute Propagandafahrten durch Bottrop. An einem der Werbewagen prangte das Schild:
"Predigt lieber Gottes Wort,
schleppt nicht das Geld aus Deutschland fort!"
Am Sonntagnachmittag, dem 25. August 1935, hielt der Gauleiter Dr. Meyer auf dem Sportplatz an der Paßstraße eine Rede, die als der Höhepunkt des Kreistages bezeichnet wurde. Darin "rechnete er mit den Reaktionären und dem politischen Katholizismus ab". Seine haßerfüllten Worte gegen die "politisierende Kirche" fanden ihren

Gipfel in folgenden Sätzen:
...Wenn wir die Hitler-Jugend zur Staatsjugend machen, wozu braucht denn die Kirche noch eine Kirchenjugend? Wenn wir die Jugend Sport treiben lassen und sie exerzieren lehren, wozu braucht denn die Kirche noch eine Sporttreibende und exerzierende Jugend? Um in den Himmel zu kommen, braucht man nicht Sport treiben und zu exerzieren! (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Wenn wir die Hitler-Jugend zur Staatsjugend machen, schaffende Menschen in einer Gemeinschaft zusammenfassen, wozu braucht dann die Kirche noch Arbeitervereine? Der Staat läßt es sich nicht gefallen, daß dort wieder der Klassenhaß einen neuen Nährboden findet. Ehe wir an der Deutschen Arbeitsfront rühren lassen, eher lösen wir diese katholischen Arbeitervereine auf!..."
Zur Monatsversammlung am Sonntag, dem 1. September 1935, waren die Mitglieder mit ihren Frauen sehr zahlreich erschienen. Der Präses, Kaplan Heinrich Arenhoevel, begrüßte sie und den Redner des Tages, Pfarrer Anton Brandt von St. Johannes in der Boy, und sprach dann über das zukünftige Vortragsprogramm, das Themen wie "Die Aufgaben der katholischen Familie in Bezug auf unseren Glauben" vorsehe. Dann hielt Pfarrer Anton Brandt seinen Vortrag über "Die Erziehung des Kindes im vorschulpflichtigen Alter" und führte darin aus: "... Die Führerin des kleinen Kindes soll die Mutter sein. Eine echt katholische Mutter ist bereit, alles, selbst das Leben, für ihr Kind hinzugeben ..." Der Redner sprach von mehreren seiner Kriegserlebnisse innigen und herzlichen Verhältnisses von Mutter und Kind zueinander. Der Erfolg einer Erziehung hinge von der Haupterziehungsarbeit in den ersten Kinderjahren ab. Eine gute Erziehung sei aber nur durch eifriges und ausdauerndes Gebet der Eltern möglich. Dann würde auch keiner Mutter ein einziges Kind verloren gehen.
Der Präses dankte dem Redner und gedachte der Verstorbenen, insbesondere der im Beruf verunglückten Mitglieder: Steiger Johann Wenten und Hans Lassak, einem Sohn des Kassierers Jakob Lassak. Anschließend verlas er ein Schreiben der Verbandszentrale Köln. Danach fand eine lebhafte Aussprache über einen demnächst stattfindenden Ausflug nach Neviges statt. Gemeinschaftliche Lieder und einige Rezitationen des Mitglieds Homscheid leiteten zum Schluß der Versammlung über.


15. Vereinsauflösung durch die Gestapo am 14. September 1935

Diese Monatsversammlung war die letzte für fast 10 Jahre; denn am 14. September 1935 erschienen beim Präses, Kaplan Heinrich Arenhoevel, und beim Kassierer Jakob Lassak Beamte der Staatspolizei. Sie legten folgenden Erlaß der Staatspolizeistelle Münster vor:

Staatspolizeistelle für den
Regierungsbezirk Münster
Az. II/4-16170 Nr. 3944/35 .9.35

Auf Anordnung des Geheimen Staatspolizeiamts Berlin löse ich auf Grund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze für Volk und Staat vom 28.2.1933 die katholischen Arbeitervereine im Bereiche des Regierungsbezirks Münster wegen staatsfeindlicher Betätigung mit sofortiger Wirkung auf. Das Vermögen ist vorbehaltlich der späteren Einziehung von mir beschlagnahmt worden.gez.: Dr. Fischer                                               Beglaubigt:
        (Siegel)                                              gez.: Unterschrift
                                                                  Krim.-Asst.-Anw.

Herrn
Diözesanpräses Dr. Konermann
Münster i.W.
Schillerstraße 46und beschlagnahmten beim Präses vier Akten mit Inhalt (schriftliches Material). Außerdem verschlossen sie in der Wohnung des Präses den Schrank mit der Vereinsfahne nebst Schärpen etc. und nahmen den Schlüssel mit.
Beim Vereinskassierer Jakob Lassak beschlagnahmten die Beamten einen Geldbetrag von 190 Mark, das Kassenbuch, eine Mappe mit Belegen und das "Mitgliederverzeichnis des Arbeitervereins St. Michael".
Glücklicherweise wurde das am 4. Februar 1934 angelegte Protokollbuch nicht beschlagnahmt. Noch unter dem Eindruck der Polizeiaktion schrieb Kaplan Heinrich Arenhoevel in dieses Protokollbuch:
"Die letzten Protokolle sagen einem jeden, welch inneren und äußeren Aufschwung das schöne Jubelfest dem Verein gebracht hatte. Die Monatsversammlungen zählten z.T. 200 Besucher. Ein für Volk und Kirche gleich wichtiges Thema sollte in 6 Monatsversammlungen durchgearbeitet werden: "Die christliche Familie und ihre Sendung in unserer Zeit". - Mitten hinein in diese Aufbauarbeit kommt ganz unerwartet ein harter Schicksalsschlag: Der katholische Knappen- und Arbeiterverein St. Michael von Bottrop Herz-Jesu wird am 14. September durch die Staatspolizei-Stelle Bottrop aufgelöst, sein Inventar und Vermögen beschlagnahmt! - Mitten aus dem Beichtstuhl wurde der Praeses geholt und ihm obiger Erlaß eröffnet. Beim Vereinskassierer J. Lassak wurde unsere Kasse mit 190,00 RM beschlagnahmt. Die staatspolizeilichen Bescheinigungen über die Beschlagnahme beim Praeses und Vereinskassierer sind hier beigefügt. Als die Kirche das Fest Kreuz-Erhöhung feierte, traf die
kath. Kn.- u. Arbeitervereine des Regierungsbezirkes Münster dieses harte Kreuz. Möge Gott alles - auch dieses Kreuz - zum Guten lenken, zum Segen werden lassen.
                        16.9.35                                                                    Arenhoevel, Kpl."


Es folgt der Nachtrag:
"Am 9. Juni 1936 wurden um 14.00 Uhr von 2 Beamten der örtlichen Staats-Polizei-Stelle Bottrop die kirchliche Vereinsfahne mit Stange, Schärpen, Wimpel, Trauerflor und Tragriemen abgeholt.
Oben aufgeführte Gegenstände waren schon seit d. 14.9.35 beschlagnahmt!
Bottrop, Herz-Jesu 9.VI.36
                                                                                                                                        Arenhoevel, Kaplan."


Am 17. September 1935 veröffentlichten die Zeitungen einen Brief des Diözesanpräses Dr. August Konermann, den der Bezirkssekretär der katholischen Arbeitervereine für den Bezirk Bocholt, Josef Jakob aus Bocholt, bei seiner Verhaftung an der holländischen Grenze bei sich trug. Darin gibt der Diözesanpräses Überlegungen bekannt, die der Verbandspräses, Prälat Dr. Müller, Köln, zu den ständigen Reibereien, die vom Staat ausgehen, anstellte: Verhandlungen seien nutzlos. Man müsse die Arbeiter zum Massenaustritt aus der Deutschen Arbeitsfront bewegen.
Dieses Schreiben vom 8. Juli 1935 veranlaßte die Gestapo zu der folgenden Feststellung: der Führer der katholischen Arbeitervereine Deutschlands, Msgr. Dr. Müller, Köln, lehne nicht nur jede Verhandlung mit der Regierung ab, sondern spreche sich vielmehr zum offenen Kampf       den Staat und dessen Maßnahmen aus. Ferner gehe aus dem Schreiben hervor, daß man seitens der Leitung der katholischen Arbeitervereine beabsichtige, ganze Betriebe zum Austritt aus der Deutschen Arbeitsfront zu bewegen und Massenaustritte zu organisieren.
"Da von Seiten des Staates ein derartiges an Hochverrat grenzendes Verhalten nicht geduldet werden kann, mußten die katholischen Arbeitervereine im hiesigen Bezirk aufgelöst werden".
Den Zeitungsausschnitt klebte der Präses ins Protokollbuch und schrieb darunter:
"Diese Tatsache hat uns in unserer Diözesanführung enttäuscht, solche Einstellung, wie sie der zitierte Brief kennzeichnet, war in den Mitgliederreihen des kath. Kn.- u. Arbeitervereins St.-Michael von Bottrop Herz-Jesu nicht zuhause.
Bottrop, den 17.9.35
                                              Arenhoevel, Kaplan."